Das „Projekt Chance“

Schülerinnen und Schüler der Richard-von-Weizsäcker-Schule bekommen einen Einblick in den Alltag des Strafvollzugs – und auf Auswege aus der Kriminalität

Zweimal besuchte Gerd Frick, Lehrer am Gymnasium Gerabronn und Trainer im „Projekt Chance“, mit den beiden jugendlichen Strafgefangenen Carsten und Sven* eine Gruppe von Berufsschülerinnen und -schülern (Berufsvorbereitungsjahr) der Öhringer Richard-von-Weizsäcker-Schule auf Einladung der Arbeitsinitiative Hohenlohe (AIH gGmbH). Diese hörten mit einer Mischung aus ungläubiger Verwunderung und Interesse, was Sven ihnen über seine aktuelle Situation und den Weg dorthin erzählte:

Nach Begehen einer Straftat wurde er zu einer dreijährigen Haftstrafe im Jugendstrafvollzug verurteilt – abzuleisten in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Adelsheim. „Dort ist man auf sich allein gestellt. In Adelsheim hast Du keine Freunde!“ Der Alltag, so Sven, ist bestimmt durch Gewalt; hat ein Insasse etwas, das einem anderen gefällt, nimmt dieser es sich einfach. „Das nennt man „Abziehen“, kommentierte Carsten. „Du ziehst jemanden ab und gehörst dann zur oberen Liga. Du verteidigst dich, um nicht abgezogen zu werden oder es möglichst lange zu verhindern, dann gehörst du zur mittleren Liga. Du wirst abgezogen, damit gehörst du zur unteren Liga und jeder macht mit dir was er will.“

Auch die nüchternen Angaben über den Ablauf des Strafvollzuges in der JVA beeindruckten die Öhringer Schüler: In den ersten zwei Wochen sind die Gefangenen etwa 23 Stunden in ihrer Zelle eingesperrt und haben nur eine Stunde am Tag Freizeit. Samstags dürfen sie die Fitnesseinrichtung nutzen und am Sonntag gibt es die Möglichkeit des Hofgangs, bei allen Witterungsverhältnissen. Drei Mahlzeiten pro Tag und einmal Duschen, kein Sport. „Das Essen ist ekelhaft, das würde keiner freiwillig essen, aber es gibt nichts anderes“, sagt Sven widerwillig, und mit versteinerter Miene erzählt Carsten: „Die neun Quadratmeter große Zelle teilen sich zwei Insassen, in ihr ist auch die Toilette, ohne Sichtschutz. Die Zelle muss natürlich selbst geputzt werden.“ Die Gefängniskleidung ist gebraucht und sieht aus, als hätten diese schon tausende Jugendlicher zuvor getragen. „Natürlich sind die Klamotten gewaschen, aber würdet ihr gerne getragene Kleidung anziehen?“, fragen die beiden in die Runde und bekommen unsicheres Kopfschütteln zur Antwort.

Aber dann kommen die beiden Jugendlichen auch auf kleine Hoffnungssignale zu sprechen: Eine Ausbildung zum Maurer, Gärtner, Elektriker oder im Metallbereich ist möglich.

Das Projekt Chance“

Auf einem Plakat entdeckte Sven das „Projekt Chance“. Um an diesem Projekt teilnehmen zu können, musste er sich beim Anstaltsleiter der JVA darum bewerben, von dessen Zustimmung die Teilnahme am Projekt abhängig ist. Einmal wöchentlich ist ein Jugendlicher des Projektes vor Ort und spricht mit dem jeweiligen Bewerber. Der jugendliche Teilnehmer des Projektes entscheidet mit, ob sich der Bewerber für das Projekt eignet. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 (nur männliche) Jugendliche begrenzt. Es werden keine psychiatrisch auffälligen, drogenabhängigen oder wegen Sexualdelikten verurteilten Menschen aufgenommen.

Die Jugendlichen, die am Projekt teilnehmen, leben in einem ehemaligen Kloster im Creglinger Ortsteil Frauental, ca. 20 km von der nächsten Stadt entfernt. Es gibt kein Handynetz, keine Bahn- und wenig Busverbindung. Etwa 20-25 Trainer bzw. Betreuer stehen den Jugendlichen während ihrer ‚Trainingszeit‘ zur Seite. Der Vollzug in freier Form bedeutet, dass sich die Teilnehmer frei bewegen können, es gibt keine verschlossenen Türen und keine Gitter, keine Aufseher.

Der Tagesablauf ist von morgens bis abends zur Bettruhe (ab. 21.00 Uhr, gestaffelt) je nach Kompetenzstufe sehr straff organisiert: Nach dem Aufstehen beginnt jeder Tag mit Joggen in der Gruppe. Nach dem Frühstück gehen die Jugendlichen zum Schulunterricht oder können sich handwerklich in verschiedenen beruflichen Zweigen (Maler, Maurer, Schreiner) verwirklichen. Eine Aufgabe der Jugendlichen ist die Restaurierung des Klosters unter Anleitung von Handwerkern. Die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Sie müssen sich ihrer Handlungs- und Leistungsfähigkeit, sowie ihrer Selbstverantwortung bewusst werden. Je mehr Engagement und Verantwortung für sich und andere von ihnen übernommen wird, desto höher steigen sie in der Gruppe der Projektteilnehmer. Damit erhalten sie mehr Vergünstigungen und Freiheiten im Alltag.

Jede erreichte Stufe (s. unten, Infokasten zu den “Kompetenz-Stufen“) kann jederzeit durch schlechtes Verhalten wieder verlorengehen. Grobe Verletzung der Projekt-Werte kann bis zur Rückführung in die JVA führen. Nicht jeder Jugendliche ist in der Lage, sich den Stand des Tutors zu erarbeiten. Das Ziel des Projektes ist die Reintegration (Zurückführung) der Jugendlichen in die Gesellschaft, erläutert Gerd Frick und fügt hinzu: „Das Übungsfeld der Gruppe und die in der Gruppe geltenden Werte und Normen sind das Zentrum und der Motor der Veränderung.“

„Die Haftstrafe sind drei verlorene Jahre, die hätte ich mir sparen können“, bilanziert Carsten, und Sven fügt hinzu: „Du schadest nicht nur dir, sondern in erster Linie deinen Eltern, deiner Familie. Du verletzt sie, obwohl sie alles für dich tun und für dich da sind. Meine Mutter hat mir immer wieder gesagt, dass mein damaliger Umgang nicht gut für mich wäre, aber ich habe alles ignoriert. Ich hatte keinen Tagesablauf, habe bis mittags im Bett gelegen und in den Tag gelebt. Lehrer waren früher meine Feinde, Schule das absolute ‚No go‘. Heute habe ich einen guten Hauptschulabschluss und einen Ausbildungsvertrag als Gärtner, inzwischen mein Traumberuf. Im Gegensatz zu früher denke ich heute in einer Konflikt- bzw. Stresssituation erst nach und rede dann mit meinem Gegenüber, anstatt wie damals einfach draufzuhauen.“

Als Tutor (s. unten, Infokasten “Kompetenz-Stufen“) trägt Sven Verantwortung für die gesamte Gruppe, für ihre Teilnehmer und für das Projekt. Er konstruierte und mauerte einen Brunnen im Klostergarten und wird im Frühjahr 2014 vorzeitig entlassen. Die Schülerinnen und Schüler der Richard-von-Weizsäcker-Schule hörten diesem engagierten Bericht der beiden Jugendlichen, die dank des „Projekts Chance“ einen Ausweg finden durften, mit viel Interesse und vor allem Nachdenklichkeit zu.

*Die Namen wurden geändert.

Ein interessiertes Publikum traf auf Sven und Carsten, die über ihre Auswege aus der Kriminalität berichteten.