Die Brandung

Wenn man ganz leise ist, kann man die Stille flüstern hören.
Wie leise?, hat Malika gefragt.
Sehr, sehr leise.
Tonlos liegen sie nebeneinander, die verwaschene, stinkende Decke über den Beinen und lauschen in die Dunkelheit. Seine Beine sind zu lang, die Füße gucken unter der Decke hervor. Eine Assel kriecht über seine Zehen, er wagt nicht, sie abzuschütteln.
Irgendwo ein Krachen, Poltern, Schreie. Weit weg, zum Glück.
Die kleine Schwester hat es wohl gar nicht gehört, zu sehr haben sie sich schon an diesen Laut zerberstender Leben gewöhnt und zu sehr versucht Malika, der Stille ihre Geheimnisse zu entlocken.
Was sagt die Stille, Tarek?
Du musst leise sein, wenn du es hören willst.
Es riecht ein bisschen muffig hier im Keller. Wie Gerippe starren die leeren Regale von den Wänden. Einmal waren diese Regale mit so vielen Leckereien gefüllt gewesen, dass es ihm unmöglich schien, all diese Dinge könnten einmal gegessen sein. Jetzt starrt er auf leere Bretter und ihm ist, als sei es unmöglich diese gewaltige Menge Essen zu beschaffen um die Regale zu füllen. Mahnmale, verblassende Erinnerungen an ein Leben vor dem Wahnsinn.
Manchmal versucht er sich daran zu erinnern, wie es damals war. Er will daran zurückdenken, was er getan, gesagt, gedacht hat, damals. Alles verschüttet, irgendwo unter den Trümmern dieses zusammengebrochenen Lebens, alles verschwommen und in Pastellfarben verklärt, alles in Sirup getaucht, süßer Orangensirup. Als hätten sie damals nur Pudding mit Sirup gegessen. Als wären sie glücklich gewesen, den ganzen Tag. Himmel vor der Hölle.
Sein Magen grummelt, er presst beide Hände auf die Bauchdecke. Keiner darf sie hören, hat Mama gesagt.
Draußen der Wahnsinn, drinnen die Kälte, die Dunkelheit und die Asseln. Jeder schießt auf jeden, in der Stille kann er den Wahnsinn murmeln hören, Rufe, Schüsse, das knisternde Krachen von Granaten.
Tarek, erzählt sie dir was?
Still, Malika, du weißt, du musst ganz still sein, sonst erzählt die Nacht dir nichts.
Pass auf deine Schwester auf, ich komme wieder.
Sorgen um Mama, so lange ist sie noch nie fortgeblieben.
Unter keinen Umständen verlasst ihr den Keller, hörst du Tarek? Und leise – sonst denken sie, ihr seid versteckte Partisanen. Versprichst du mir, dass ihr euch nicht rührt?
Er hat es versprochen, jetzt bereut er es. Da draußen ist kein Ort für Kinder, hat Mama gesagt, er denkt, dass es auch kein Ort für Mütter ist. Kein Ort für niemanden, ein Niemandsort.
Malikas dünne Kinderstimme in der Dunkelheit: Was hörst du, Tarek? Was erzählt dir die Stille?
Draußen Brausen, Poltern, Krachen.
Sie spricht vom Meer., sagt er. Hörst du das Rauschen? Wie die Wellen an die Klippen branden?
Malikas Wange an seiner Schulter, er spürt ihr Nicken. Und dann?
Schreie, Zetern. Wehklagen.
Da spielen Kinder im Sand. Sie bauen Sandburgen, wie wir einmal, im Urlaub. Weißt du noch?
Sie haben tatsächlich Sandburgen gebaut, es scheint in einem anderen Leben gewesen zu sein.
Eine riesige Sandburg, mit vier Türmen, Mauern, einem Wassergraben und einer Brücke aus Treibholz. Die Mauern sind mit Kieseln verziert und die Dächer mit Muscheln besetzt. Es ist ein richtiges Sandschloss.
Und dann?
Als die Kinder nach Hause gehen, es ist inzwischen schon Abend geworden, da kriechen die Krebse aus dem Wasser. Die Kleinen, mit den Häuschen, die du immer so schön fandest.
Malika erinnert sich nicht, zu vieles bedeckt von den Trümmern der letzten Jahre. Zu viel Wahnsinn in einem zu kurzen Menschenleben, denkt Tarek manchmal, wenn er dieses kleine gekrümmte Bündel Schwester betrachtet. Die Brandung

Wenn man ganz leise ist, kann man die Stille flüstern hören.
Wie leise?, hat Malika gefragt.
Sehr, sehr leise.
Tonlos liegen sie nebeneinander, die verwaschene, stinkende Decke über den Beinen und lauschen in die Dunkelheit. Seine Beine sind zu lang, die Füße gucken unter der Decke hervor. Eine Assel kriecht über seine Zehen, er wagt nicht, sie abzuschütteln.
Irgendwo ein Krachen, Poltern, Schreie. Weit weg, zum Glück.
Die kleine Schwester hat es wohl gar nicht gehört, zu sehr haben sie sich schon an diesen Laut zerberstender Leben gewöhnt und zu sehr versucht Malika, der Stille ihre Geheimnisse zu entlocken.
Was sagt die Stille, Tarek?
Du musst leise sein, wenn du es hören willst.
Es riecht ein bisschen muffig hier im Keller. Wie Gerippe starren die leeren Regale von den Wänden. Einmal waren diese Regale mit so vielen Leckereien gefüllt gewesen, dass es ihm unmöglich schien, all diese Dinge könnten einmal gegessen sein. Jetzt starrt er auf leere Bretter und ihm ist, als sei es unmöglich diese gewaltige Menge Essen zu beschaffen um die Regale zu füllen. Mahnmale, verblassende Erinnerungen an ein Leben vor dem Wahnsinn.
Manchmal versucht er sich daran zu erinnern, wie es damals war. Er will daran zurückdenken, was er getan, gesagt, gedacht hat, damals. Alles verschüttet, irgendwo unter den Trümmern dieses zusammengebrochenen Lebens, alles verschwommen und in Pastellfarben verklärt, alles in Sirup getaucht, süßer Orangensirup. Als hätten sie damals nur Pudding mit Sirup gegessen. Als wären sie glücklich gewesen, den ganzen Tag. Himmel vor der Hölle.
Sein Magen grummelt, er presst beide Hände auf die Bauchdecke. Keiner darf sie hören, hat Mama gesagt.
Draußen der Wahnsinn, drinnen die Kälte, die Dunkelheit und die Asseln. Jeder schießt auf jeden, in der Stille kann er den Wahnsinn murmeln hören, Rufe, Schüsse, das knisternde Krachen von Granaten.
Tarek, erzählt sie dir was?
Still, Malika, du weißt, du musst ganz still sein, sonst erzählt die Nacht dir nichts.
Pass auf deine Schwester auf, ich komme wieder.
Sorgen um Mama, so lange ist sie noch nie fortgeblieben.
Unter keinen Umständen verlasst ihr den Keller, hörst du Tarek? Und leise – sonst denken sie, ihr seid versteckte Partisanen. Versprichst du mir, dass ihr euch nicht rührt?
Er hat es versprochen, jetzt bereut er es. Da draußen ist kein Ort für Kinder, hat Mama gesagt, er denkt, dass es auch kein Ort für Mütter ist. Kein Ort für niemanden, ein Niemandsort.
Malikas dünne Kinderstimme in der Dunkelheit: Was hörst du, Tarek? Was erzählt dir die Stille?
Draußen Brausen, Poltern, Krachen.
Sie spricht vom Meer., sagt er. Hörst du das Rauschen? Wie die Wellen an die Klippen branden?
Malikas Wange an seiner Schulter, er spürt ihr Nicken. Und dann?
Schreie, Zetern. Wehklagen.
Da spielen Kinder im Sand. Sie bauen Sandburgen, wie wir einmal, im Urlaub. Weißt du noch?
Sie haben tatsächlich Sandburgen gebaut, es scheint in einem anderen Leben gewesen zu sein.
Eine riesige Sandburg, mit vier Türmen, Mauern, einem Wassergraben und einer Brücke aus Treibholz. Die Mauern sind mit Kieseln verziert und die Dächer mit Muscheln besetzt. Es ist ein richtiges Sandschloss.
Und dann?
Als die Kinder nach Hause gehen, es ist inzwischen schon Abend geworden, da kriechen die Krebse aus dem Wasser. Die Kleinen, mit den Häuschen, die du immer so schön fandest.
Malika erinnert sich nicht, zu vieles bedeckt von den Trümmern der letzten Jahre. Zu viel Wahnsinn in einem zu kurzen Menschenleben, denkt Tarek manchmal, wenn er dieses kleine gekrümmte Bündel Schwester betrachtet. Die Brandung
!!br0ken!!
Draußen Krachen, die Gischt, dieses Mal ganz nah. Der Wahnsinn brandet an die Klippe dieses dunklen Kellers, schwappt nicht über, noch nicht.
Machen die Krebse das Schloss kaputt?
Die Krebse nicht, die Brandung ist es, die Zinnen, Türme und Brücken zerfetzt, die Muscheln von den Wänden reißt und Krebse ins Meer zerrt. Er spricht nicht von der Brandung, wenn man sie nur wegschweigen könnte!
Nein, sie freuen sich darüber. Sie krabbeln über die Zugbrücke und in die Türme und finden alles sehr, sehr schön.
Malika lächelt an seiner Schulter. Und dann?
Dann feiern sie ein Fest, ein großes, schönes Fest am Strand.
Wieder Krachen, Poltern, Stimmen. Lautes Rufen, Schritte auf der Straße, Schreien. Füße vor dem Kellerfenster, große, derbe Männerfüße.
Er legt den Finger auf die Lippen. Keinen Laut! Mucksmäuschenstill!
Wer ganz leise ist, kann die Stille flüstern hören. Totenstill liegen sie nebeneinander im Keller und lauschen dem Meer.