Text über „Lesende in der Öffentlichkeit“ – Sarah Merkle

Vor kurzem erst erzählte dir ein Freund von einem Mann, den er ungläubig dabei beobachtet hatte, wie er mitten auf der Autobahn ein Buch auf dem Lenkrad liegen hatte und es in aller Seelenruhe bei 120 km/h las.
Seit du lesen gelernt hast, würdest du am liebsten nichts anderes tun. Aber darauf bist du noch nicht gekommen. Was muss denn in einem Kopf vorgehen, wenn man sich in sein Auto setzt und auf die Autobahn fährt, beschleunigt, überholt und fährt und fährt, bis man in die Brusttasche greift, die Lesebrille aufsetzt und nach dem Buch neben sich tastet, es mit einer Hand öffnet und das Lesezeichen auf die Beine gleiten lässt. Das Buch lässt sich nicht gleich öffnen, man schiebt seinen Arm auf das Lenkrad, um es zu halten und in diesem einen, heiklen Moment benutzt man die andere Hand, um das Buch endlich aufzuklappen. Es knirscht protestierend, als der Buchrücken durchgebogen wird. Immer wieder wandert der Blick des Fahrers auf die Straße, nur kurz macht man sich an dem Gegenstand auf dem Lenkrad zu schaffen, behält das Auto vor sich im Blick, schaut immer wieder in den Rückspiegel. Aber die Gedanken sind nicht auf der Straße. Man klemmt das Buch zwischen die Unterarme, mit den auf dem Lenkrad liegenden Handflächen wird nun gesteuert. Du hast das alles genau vor dir, auch wenn es kaum zu glauben ist. Wenn du daran denkst, welche Gefahr er sich und den anderen war, weißt du nicht, ob du wütend oder traurig sein sollst. Bleibt den Leuten heutzutage etwa so wenig Zeit, dass sie so lesen müssen?
Du hast erst angefangen, auf andere Lesende zu achten, als dir selbst die Zeit zum Lesen ausging. Zuerst war es eine wunderbare und fremde Sache, die alte Frau, die im Bus geduldig wartete, bis die lärmende Schülerschaft ausgestiegen war, um ihr Buch herauszuholen, eine zerfledderte Taschenbuchausgabe von Pygmalion, mit Eselohren und tiefen Furchen auf dem Rücken. Du konntest nicht glauben, dass diese weißlockige, kleine Dame, Falten wie kleine Porzellansprünge im Gesicht, tatsächlich Shaw, deinen Shaw las. Du hattest an diesem Tag deine Kopfhörer nicht dabei und zwischen den Geräuschen des Busses hörtest du sie einmal kichern. Ihr versonnener Blick, ihre Konzentration in dem klapprigen, röhrenden Bus der Mittagslinie, rührte dich an. Du hast sie heimlich beobachtet von deinem Platz schräg gegenüber und fast verschämt, wieso?
Du liebst lesen. Du hast es geliebt, bevor die Zeichen auf dem Papier für dich allein Sinn machten und ihnen noch durch Opas Stimme Sinn gegeben wurde. Du hast so viele Menschen mit Büchern, Zeitschriften oder Zeitungen gesehen und siehst
unterwegs Kindles und Handys in ihren Händen. Wie lange du sie beobachtet hast, ehe du selbst ein Buch ausgepackt hast, ehe du dich…getraut hast. Wieso hast du dich nicht getraut? War es, weil Lesen dein ganzes Leben lang in deinem Zimmer stattfand? Wenn überhaupt irgendjemand anders deine Bücher zu sehen bekam, dann, wenn du sie in der Bücherei ausliehst oder wieder zurückgabst. Du wolltest es für dich allein haben. Lesen war für dich so etwas eigenes, etwas, das immer nur dir gehört hat. Dich mochten Menschen allein gelassen haben oder zumindest mag es sich für dich so angefühlt haben, aber deine Bücher und die Geschichten, die sie dir jeden Tag schenken, den du mit ihnen verbringst, die waren schon immer da. Sie werden da sein, wenn die, die sie dir näher gebracht haben schon lange gegangen sind und sie werden dich nie zurückweisen und sie werden dir immer den Schutz geben, den du von ihnen erbittest. Deshalb wolltest auch du sie schützen und du hast lange nicht verstanden, wie man ein Buch in die Welt hinaustragen kann. Wie konnte jemand etwas so Schönes wie ein Buch, das so geheim und intim ist, unter Menschen lesen, die nur an die tausend unwichtigen Kleinigkeiten des Alltags dachten? Du hast lange gebraucht, bis du diese Leute verstanden hast und noch länger, ehe du es ihnen gleich tatest. Bücher gehören ins Leben und gibt es bessere Orte für das Leben als Bahnen und Busse, Cafés, Büchereien, Parks?
Wann haben Menschen, die jahrein, jahraus, tausende von Tagen demselben Ablauf folgen, die Zeit, sich einen Moment zurücklehnen und es sich zu gönnen, zwischen den Orten, an denen sie zu tun haben, einen Augenblick in Ruhe zu verharren? Wenn sie unterwegs sind. Die Zeitspanne zwischen zwei Bahnhöfen oder zwei Bushaltestellen ist ein kleiner Augenblick, in dem das Hamsterrad droht, auszulaufen, fast völlig still zu stehen. Täglich siehst du eine Frau mit dunklem Mantel und einer grauen Strickmütze auf den blonden Haaren, die nur vier Stationen fährt, aber jeden Morgen mit entschlossenem Gesichtsausdruck hereinkommt, ihr Buch bereits in der Hand. Philomena liest du auf dem Cover, du hast den Film gesehen, eine Frau, die als junges Mädchen gezwungen wird, ihren unehelichen Sohn abzugeben und ihr Leben lang nach ihm sucht. Sie ist nicht schnell damit, über Wochen hast du beobachtet, wie langsam das Lesezeichen durch die Seiten wandert. Sie liest auch nicht sehr schnell, selten schafft sie mehr als eine Seite. Du siehst sie dir an und fragst dich, wie sie zu dem Buch gekommen sein mag. Du siehst keinen Barcode, es ist nicht aus der Bücherei. War es ein Geschenk, hat sie es sich selbst gekauft, was bringt eine Frau, die nur wenige Jahre älter sein mag als Philomena bei der Geburt ihres Sohnes dazu, so ein Buch zu lesen? Mit einem flauen Gefühl im Magen denkst du an die Szene, als die Nonnen den kleinen Anthony an seine neuen Eltern übergeben. Du liest selbst alles andere als Arztromane, aber ob du dieses Buch anfassen würdest, weißt du nicht. Meist verbirgst du den Titel oder nimmst deinen Kindle mit. So gerne du auch auf die Buchrücken anderer linst, niemand soll das bei dir tun. Das ist deine Eigenheit beim öffentlichen Lesen, viele haben eine. Die Frau mit Philomena kommt bereits mit dem Buch in der Hand herein, ganz auffordernd, man möge ihr einen Platz gewähren, sie ist wild entschlossen. Andere wippen mit dem Fuß oder fahren mit den Händen über die Seiten. Du verbirgst deine Titel, um nicht ins Visier neugieriger Frager zu rücken. Nicht, dass das schon einmal vorgekommen wäre, aber du bist auf alles vorbereitet. Als du nach Berlin gefahren bist, hast du die dicke Frau mit dem blondierten Kurzhaarschnitt am Platz gegenüber angesehen, die selbst keinen Blick für den kopfwippenden Kerl mit den Rastas ihr gegenüber hatte, der an seinem MacBook wahrscheinlich gerade einen Remix aufnahm. Er wurde dir bald langweilig. Sie aber holte Liz Fenwicks Ein Sommer in Cornwall heraus – du hast es dir danach einmal in der Bücherei angesehen, ein wirklich schreckliches Buch – klappte es auf und sie klebte praktisch daran, bis du ausgestiegen bist. Mein Gott, was hat sie auf ihrer Unterlippe herumgebissen. Einmal hat sie es weggelegt, eine Minute später hielt sie es schon wieder in der Hand. Noch besser war der Kerl, der sich im Regionalexpress George R.R. Martins Die Herren von Winterfell durchgelesen hat, mit den Füßen auf dem Sitz, das Buch so nahe am Gesicht, dass seine Nase fast das Papier berührte. Du konntest ihn verstehen, hattest du doch denselben Schinken in einem gewaltigen, zehnstündigen Rutsch verschlungen. Und ihm zuliebe verwünschtest du die Schüler, die nichts Besseres zu tun hatten, als sich quer durch den Bus zuzubrüllen, wie Scheiße sie sich fanden.
Das Schöne an den Lesern in öffentlichen Verkehrsmitteln sind auch die vielen Regungen, die sich auf ihrem Gesicht abspielen. Wenige Dinge sind so faszinierend wie das Gesicht eines Menschen, wenn er sich mit etwas beschäftigt, das ihn gefangen nimmt. Selten wird es passieren, dass du dich fragst, was wohl gerade in dem Buch geschehen muss, es lässt sich erahnen, wenn deinem Gegenüber ein erstaunter Laut über die Lippen kommt, wenn diese Person lächelt oder entsetzt dreinsieht. Du überlegst, mit welch starrer Miene du selbst gerade am Handy Smileys verschickst, und willst es direkt aus der Hand legen.
Lesende in öffentlichen Verkehrsmitteln sind also nur die, die sich sonst keine Zeit dafür nehmen können oder wollen und die, die es vor lauter Ungeduld nicht abwarten, bis sie zuhause sind? Ja. Und nein. Diese Lesenden sind auch die, die ihre Fahrt nutzen wollen, du denkst, dass jeder Öffentlichkeits-Leser wie du einmal in dem Verkehrsmittel seiner Wahl saß, auf die Uhr sah und sich dachte, die halbe Stunde hin und zurück sei viel zu schade zum Nichtstun. Andere hören Musik, du liest, sie lesen. Wieso auch nicht? Du rennst zur Bahn, rennst zur Schule, nach Schulschluss rennst du wieder zur Bahn zurück. Nichts davon macht dir Vergnügen, alles ist Hetze. Darfst du dann nicht deine halbe Stunde zwischen den Seiten deines neusten Lieblings verbringen?

Auf die Frage, wie viele Leute wohl zu einem Buch greifen würden, nähme man ihnen Internet und Fernseher weg, gäbe es sicher interessante Antworten. Wie viele Stunden werden wir tatsächlich vom Lesen abgehalten? Du willst nur ein Wort googeln und wenn du eine Stunde später dein Notebook zuklappst, ist dein Facebook-Status aktualisiert, die Statistik auf deinem Blog überprüft und du hast drei YouTube-Videos angeschaut. Oder du bist einem Dutzend Links auf Wikipedia gefolgt. Du kommst nach Hause und die Versuchung hängt in der Luft. Du kommst nicht nur nicht zum Lesen, du kommst auch nicht zum Schreiben. Du hast ein Problem. Du bist mürrisch ohne beides, empfindlich, sehr unausgeglichen und mehrere Personen haben auf deine Unverschämtheit unverschämt gefragt, ob du deine Tage hast. Du fühlst dich nicht gut ohne das Lesen und ohne das Schreiben. Du brauchst also eine Überlebensstrategie, du brauchst Ruheorte. Da fällt dir deine Bücherei ein.
Eine Bücherei, ein vornehmlich ruhiges Gebäude und ein Hort des Wissens und des preiswerten, dauerhaften Materialnachschubs. Wo sollte es sich besser schmökern lassen? Als du ein Kind warst und noch in deinem kleinen Dorf gewohnt hast, mussten deine Großeltern dich mindestens einmal in der Woche in die nächstgrößere Stadt fahren, damit du dich mit neuen Büchern versorgen konntest. Es drohten Entzugserscheinungen, nächtliche Anfälle von Umräumerei, lebensbedrohlich hohe, schwankende Stapel mit den dicksten Lexika und Chroniken, die sich in Opas Beständen finden lassen konnten und insbesonders drohtest du, Harry Potter zum zwanzigsten Mal zu lesen und die Schule interessierte dich sowieso schon so wenig. Da war die Bücherei die gesündere Alternative und bis auf zwei, drei Ausnahmen hat dich nie jemand vom Lesen abgehalten. Innerhalb von sechs, sieben Jahren hast du dich beinahe durch die komplette Kinder-und Jugendabteilung gefräst und warst zu den oberen, erwachsenen Stockwerken übergegangen. Nichts war vor dir sicher, weder Shakespeare, Macbeth musste dich mehrmals nach Hause begleiten, noch Die Buddenbrooks, die du zum Gähnen langweilig fandest und Biografien, Reiseführer und historische Romane, ganz viele historische Romane, von denen zu viele schrecklich schlecht geschriebene historische Romane waren. Gelesen hast du sie trotzdem, ein Bücherwurm auf Dauer-Ecstasy.
Dann zogst du in eine andere Stadt um und vor dir tat sich in einer anderen Bücherei eine neue und viel, viel größere Welt auf und mehr Geschichten, als du jemals wirst kennen können. Zuvor gab es kaum Tisch und Stühle und du hast nie jemanden dort sitzen sehen. Hier war und ist es anders. Es dauert oft keine halbe Stunde, bis an fast jedem Tisch Schüler sitzen, die sich auf Arbeiten vorbereiten, einige Müßige, die mit den Händen über die Buchrücken streichen – und dann die Zeitungsopas. Niemand gefällt dir bis heute in der Bücherei so wie die Männer, die sich morgens oft schon kurz nach zehn Uhr hinsetzen, ihre Süddeutsche, Die Zeit oder Heilbronner Stimme in der Hand. Sie haben sich ihre bestimmte Ecke gewählt, den ersten Tisch in der vordersten Buchreihe, denn die meisten bleiben nicht bei einer Zeitung und von dort ist es bis zu den Beständen nicht sehr weit. Du bewunderst seit langer Zeit schon ihre Schläue von deinem Platz aus, an dem Tisch rechts von ihnen, an den sie sich komischerweise fast nie setzen. Sie haben Zugriff auf ganze Depots verschiedener Zeitungen, dafür brauchen sie nicht einmal einen Büchereiausweis. Der wahrscheinlich älteste von ihnen, der so eingefallene Augen wie Wangen hat und von dem du immer annimmst er lässt einen Rollator im Foyer der Bücherei stehen, so krumm humpelt er umher, kommt fast jeden Tag. Du hast vor deinen Spätschichten ganze Wochen lang täglich neben ihm gesessen, vor dir dein Notizbuch und vor ihm seine Zeitungen. Nun siehst du ihn nur noch samstags und es tut dir um eure traute Nachbarschaft leid, denn ihr seid ohne Worte ausgekommen, er mit seiner Zeitung zufrieden und du mit deinem Notizbuch. Selten ist er gegangen, ohne mindestens zwei Zeitungen durchzulesen, mit gemächlich über das Papier wandernden, großen Augen. Wenn du dich konzentrierst, kannst du immer noch das Rascheln dieser dutzenden von Morgen hören. Du siehst ihn über einen Artikel den Kopf schütteln und du siehst ihn einen anderen Zeitungsopa grüßen, der sich ihm gegenüber setzt und du hörst auch das dumpfe, näher kommende Aufklopfen seines Stocks. Er lehnt ihn an die Tischkante, die Spitze zeigt zu dir und er entfaltet die Heilbronner Stimme. Wie sein Tischgenosse lässt er sich eine Zeit, die du nicht kennst, die du nicht hast. Mehr als zehn Minuten kannst du noch nie für das Lesen einer Zeitung gebraucht haben. Sie aber setzen sich und dann lassen sie sich durch nichts aus der Ruhe bringen und du beneidest sie heimlich darum. Es ist lange her, seit du das letzte Mal in die Bücherei gegangen bist und dir bewusst Zeit bei etwas gelassen hast und sei es, dass du sorgfältig deine Bücher herausgesucht hättest. Du bist dabei nie sorgfältig, nie wirklich bedacht. Während die Zeitungsleser sich wahrscheinlich auch nicht stören lassen würden, wenn ein rasierter Bär im Tütü durch die Gänge tanzt, hast du immer etwas im Nacken sitzen, das dich davon abhält, achtsam zu sein. Du hasst es und du weißt nicht, was du tun sollst, dass sich das ändert. Musst du so alt werden wie die beiden am anderen Tisch, um es dir wieder leisten zu können? Du willst sie fragen, ihnen applaudieren und deinen Respekt aussprechen und bleibst stumm, weil du ihre tief gebeugten Gestalten kennst, die Versunkenheit im Text, denn es ist deine tief gebeugte Gestalt und deine Versunkenheit im Text. Ihr lasst euch nicht gerne aus dieser Welt holen, nicht wahr und wie könntest du es rechtfertigen, dieses stumme Einverständnis unter euch zu stören?
Wenn du ins Rentenalter kommst und du es dir bis dahin auch leisten kannst, tatsächlich in Rente zu gehen, wirst du es genauso machen. Du willst keiner von diesen Rentnern sein, die tagelang zuhause rumsitzen und die die Welt nicht mehr interessiert. Du willst noch genauso interessiert sein wie die beiden und wie die ganzen anderen alten Männer, die sich im Laufe eines Tages in diese Bücherei setzen. Du willst neugierig bleiben und Interesse zeigen, denn das Schlimmste sind diese Menschen, die sich für nichts zu interessieren scheinen. Hier siehst du so wenige davon wie sonst wahrscheinlich nirgends und deshalb tut dir dieser Ort wohl und es gibt dir kein anderer Leseort so viel wie dieser.

Vor einigen Wochen hast du versucht, im Café Schümli zu lesen, ein grandioser Misserfolg, den du sicherlich nicht wiederholst. Eigentlich hattest du ja nicht vor, dein Buch herauszuholen, das Schümli ist für dich zuallererst Schreibort und bisher hatte es dich auch noch nicht gereizt, dort irgendetwas anderes zu tun. Aber die Frau neben dir sah so entspannt und zufrieden aus, während du zum gefühlt zehnten Mal versuchtest, mit einer Kurzgeschichte weiterzumachen, die dich schon seit Wochen ärgerte. Sie hatte so gut angefangen und war zu einer Aneinanderreihung von völlig sinnentleerten Sätzen verkommen und du hattest keine Ahnung, was du falsch machtest. Ohne es zu wollen, blieb deine Aufmerksamkeit an ihr hängen. Ihr saßt beide am Fenster und während du dich so unwohl fühltest, als ob dir jemand einen Sack Kartoffeln im Magen herumschob, sah sie ganz entspannt und zufrieden aus. Du linstest auf den Titel, Von Geist und Geistern von Hilary Mantel. Die Frau hatte ein Lächeln im Mundwinkel hängen, hatte sich in ihre cremefarbene Strickjacke gemummelt und nippte zwischendurch immer wieder an ihrem Milchkaffee. Neidisch hast du sie beobachtet. Warum konntest du das nicht, dich einfach hineinsetzen, ein Buch herausholen und dich entspannen? Stattdessen Satz um Satz und alle wieder durchgestrichen. Energisch klapptest du das vermaledeite Notizbuch zu und holtest deinen Kindle heraus. Das war wahrscheinlich genau das, was du jetzt brauchtest, Ablenkung, auf andere Gedanken kommen. Du schaltetest den Kindle ein und lehntest dich zurück. Trakls Gedichte waren jetzt bestimmt das Richtige.
Aber „wahrscheinlich“ und „bestimmt“ sind schwammige Wörter und nichts ging. Nicht auf eine einzige Zeile hast du dich konzentrieren können, mit einem Mal hast du Geräusche wahrgenommen, die dir noch nie zuvor aufgefallen waren, das Knarren der Bodenbretter, wenn die Kellnerin zu einem Tisch ging, das Röhren der Kaffeemaschine und dieser summende Unterton, wenn viele Menschen miteinander reden, das trieb dich innerhalb von zwei Minuten in den Wahnsinn. Wie machte die das nur? Verärgert klapptest du deinen Kindle wieder zu. Mit gerunzelter Stirn dachtest du darüber nach, wieso es dir gelang, in Bahnen und Bussen und in der Bücherei zu lesen, aber nicht hier. Weil ein Café ein Ort der Konversation ist und du, ganz entgegen deiner misanthropischen, mürrischen Art, dich nur hier hereinsetzt, wenn dein urmenschliches Bedürfnis nach sozialen Kontakten überhandnimmt oder du hofftest, es würde sich jemand über etwas unterhalten, das es wert war, zu einer Geschichte verwurstet zu werden? Es dauerte nicht lange, bis deine Gedanken abschweiften. Warum hatte diese Frau sich wohl genau dieses Café herausgesucht? Eigentlich besucht man ein Café doch zu zweit oder zu mehreren, um noch einmal auf die Konversation zurückzukommen. Andererseits wurde die Eisenbahn einst erfunden, um Menschen von A nach B zu transportieren und inzwischen gibt es Menschen, die mehr Zeit in Bahnen verbringen als in ihrer eigenen Wohnung. Es gibt einen Haufen Orte, die heute nicht mehr das tun, wofür sie mal erfunden wurden. Warum soll das Café da eine Ausnahme sein? Und führst du dich mit deiner Meckerei nicht selbst aufs Glatteis? Du beschwerst dich seit langem darüber, dass die Leute nur noch zuhause sitzen und meinst, dafür Beweise zu haben, weil du selbst so eine bist. Du solltest froh sein, dass die Leute aus dem Haus gehen und wer weiß, vielleicht ist die gute Frau dreifache Mama und findet zuhause nicht die Muße, ihre Hilary Mantel zu lesen. Wenn Kinder da sind, ist ja immer etwas anderes los. Wenn man das Bedürfnis danach hat, kann man sicherlich überall lesen.
Du hältst inne. Nein, nicht ganz. Du setzt dich auch nicht in den McDonalds für die Besprechung deiner Schullektüre. Das wäre einfach falsch. Ein McDonalds ist dafür da, dass Leute sich mit fettigem, ungesundem Fraß vollstopfen und drei Stunden später wieder hungrig sind und am besten noch einmal vorbeikommen in dem Glauben, nun würden sie wirklich satt und nicht nur voll. Wenn dort jemand Emilia Galotti hervorkramt und anfängt, über die Motive des Prinzen zu reden, muss er sich ernsthaft Gedanken machen, was denn schief gegangen ist. Im Café hättest du dagegen kein Problem damit und du fragst dich, woran das liegen mag. Du stellst im Kopf also deine Vergleichsliste auf. Die Atmosphäre in einem Café ist für dich gemütlich, in einem McDonalds durchgestylt. In einem Café trinkst du einen Earl Grey, im McDonalds hältst du immer noch nach dem Clown Ausschau. Dein üblicher Grund, ersteren einen Besuch abzustatten ist der Versuch, etwas zu Ende zu schreiben. Bei letzterem Hunger.
Du denkst weiter. Ein Café im klassischen Sinne ist dir eine Institution, die es schon seit langem gibt, bestenfalls Familienbesitz seit zwei oder drei Generationen, mit etwas schäbigen Sesseln und einer breiten Auswahl an Heißgetränken. Einen McDonalds gibt es allein in Heilbronn dreimal und da hast du die Rastplatzrestaurants an der Autobahn noch nicht mitgezählt. Aber ist das der Grund, dass in einem McDonalds niemand ein Buch auspackt, außer, er langweilt sich buchstäblich zu Tode? Dir fallen sämtliche Klischees ein und du verwirfst sie ärgerlich. Dir ist schon klar, dass ein Fast-Food Restaurant nicht gerade ein gemütlicher Ort ist, trotz der Bemühungen der großen Ketten, das zu ändern, seit ihnen vermehrt die Kundschaft ausbleibt. Aber auch eine S-Bahn ist kein wirklich kuschliges Plätzchen, vor allem nicht die Mittagslinien, wenn sie hoffnungslos überfüllt sind. Trotzdem sieht man dort mehr Menschen lesen als über Burger und Chips. Und so banal es auch sein mag, daran liegt es wahrscheinlich. Ein Café ist ein Ort, an dem es durchaus legitim ist, etwas zu trinken, sich etwas von der Mittagskarte zu bestellen und dann zu gehen. Aber neben diese Leuten sitzen dann andere mit ihren Laptops, mit ihren Büchern und schreiben und lesen. Niemand stört sich daran, weil ein Café auch ein Ort für die sein kann, die sonst nirgends lesen und schreiben können. Im McDonalds wäre das, wenn auch nicht unmöglich, dann doch sehr, sehr unwahrscheinlich. Du denkst an zuhause, auch du hast dort nicht wirklich einen Ort, an den du dich mit einem guten Buch zurückziehen kannst. Im Sommer taugt dafür noch der Balkon, aber im Winter wird das schwieriger. Da bleibt dir nur, zu lesen, solange du allein bist oder dir eben einen anderen Ort zu suchen.

Lesen ist für dich Gemütlichkeit. Es hängt sehr vieles davon ab, wo du gerade bist und wie wohl du dich an diesem Platz fühlst. Nie würdest du einen deiner Lieblingsdichter in der S-Bahn lesen – bei einer Biografie oder einem Sachbuch ist das etwas anderes. Aber Sylvia Plath morgens in der S4? Oder Trakl auf dem Weg nach Heilbronn? Nicht wirklich. Hemingways Paris – Ein Fest fürs Leben im Bus auf dem Weg nach Paris? Schon eher. Es gibt Dinge, mit denen dein Verständnis Grenzen erreicht. Das bezieht sich nicht nur auf Selfie-Sticks und auf Menschen, die Jogginghosen im Restaurant tragen, sondern auch auf Leser. Klar sollte man um jeden froh sein, der noch liest, angesichts der Begeisterung, die allein die Erwähnung der Schullektüre Emilia Galotti in die Gesichter einiger Klassenkameraden meißelt, aber jeder hat seine Momente, da er andere aufgrund irgendeiner dummen, unwichtigen Äußerlichkeit verurteilt. Du springst besonders auf schlechte Buchtitel an und Entflammt vor Begierde nach dem Duke ist nur die Spitze eines großen, faulen Haufens. Wer weiß, vielleicht ist das ja nur ein verkanntes Meisterwerk, aber bei dem großen Angebot an Neuheiten, die jedes Jahr in die Buchhandlungen schwappen, ist es ohnehin schon schwer genug, den Überblick zu behalten, da muss das nicht noch durch selten dämliche Titel erschwert werden. Außerdem kannst du dich nicht entscheiden, ob es sehr unüberlegt ist, sich mit so einem Schinken in die Gesellschaft anderer zu begeben oder Ausdruck einer bewundernswerten Gleichgültigkeit der Meinung anderer gegenüber.
Unsere Nachbarn machen das irgendwie stilvoller, zumindest hatte es diesen Anschein, als du das erste Mal in Paris warst. Zusammen mit deiner besten Freundin schlendertest du durch den traumhaft schönen Jardin des Tuileries, die Frühlingssonne wärmte eure Gesichter und da fielen sie dir auf, die einzeln auf den Bänken und den grünen Stühlen verteilten Leser. Sie streckten die Beine von sich, hatten die Augen hinter ihren Sonnenbrillen verborgen und drehten sich der Wärme entgegen, die Bücher entweder auf dem Schoß oder als Sonnenschutz über den Kopf gehoben, manche ganz umgeknickt, aber meist nur aufgeklappt. Viele von ihnen sahen aus wie Studenten, junge Leute, die nicht viel älter sein konnten als ihr, Frauen mit langen, zerzausten Haaren und Männer in abgewetzten Jeans mit alten Turnschuhen an den Füßen, aber jeder von ihnen die Nase in einem Buch.
Dich erstaunte, wie viele von ihnen alte, teils furchtbar zerfledderte Ausgaben in den Händen hielten, mit Büchereistempeln, halb abgeknibbelten Preisaufklebern oder einfach in schlichten Einbänden, die auffälligen Umschläge zuhause gelassen, wie du es auch immer tatest. Du konntest dir nicht vorstellen, dass du durch irgendeinen Park zuhause würdest laufen und dabei dieselbe Anzahl an Lesern würdest beobachten können. Und es fällt dir im Rückblick schwer, das allein darauf zu schieben, dass Paris zwanzigmal mehr Einwohner hat als deine Heimatstadt. Du schließt die Augen und erinnerst dich an Paris, die Fluten von Autos, die jeden Tag an dir vorbeizogen, das Gewusel auf den großen Boulevards und das Summen von vielen Stimmen, die in den Cafés aufeinander einreden. Wenn du an die Tuileriengärten und an den Jardin du Palais Royal denkst, hörst du immer noch das Verkehrsrauschen, aber irgendwo im Hintergrund, als hätte jemand den Lautstärkeregler heruntergedreht. Solche Parks und Gärten sind vielleicht das Wichtigste, was innerhalb dieser Städte jemals entworfen und tatsächlich zuwege gebracht wurde. Eine Stadt ohne wenigstens dieses bisschen Grün, in das seine Bewohner sich flüchten können, wenn ihnen der Lärm, der Verkehr, die Menschenmengen und der Beton und Staub und das Grau zu viel werden, muss ein grauenhafter Ort sein. Mit der Natur verbinden die Menschen spätestens seit der Romantik Einsamkeit, Ruhe, eine Idealumgebung. Und ist es da nicht logisch, sich in solch eine Umgebung zurückzuziehen, um ein Buch aufzuschlagen? Im Sommer setzt du dich auch lieber in den Garten als in dein Zimmer. Kann sein, dass es den Menschen dorthin zieht, so pseudopsychologisch das auch klingen mag. Das Lesen eines Buches entspannt mehr als Musik hören oder spazieren gehen, das ist wissenschaftlich erwiesen. Und packt man sich mit einem Buch noch unter eine grüne Baumallee, dann gibt es nichts Herrlicheres. Besser als Urlaub! Als du die Leser beobachtetest, meintest du, dass es nicht nur dir so erging. Eine Frau hatte ihr Buch aufgeschlagen auf dem Bauch liegen und streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen. Du versuchtest, den Buchtitel zu erkennen, aber sie hatte die Hände darum gelegt und eigentlich war es auch nicht wichtig. Sie lächelte der Wärme über sich entgegen. Wer schon einmal in der französischen Hauptstadt war, weiß, wie schwer die Pariser zum Lächeln zu bringen sind. Das brachte auch dich ein bisschen zum Lächeln. In solchen Momenten bist du froh, dass du lesen kannst und darfst und dir fällt ein, dass es niemanden zu kümmern braucht, wo, was, wie lange man liest, solange man es tut.

Es ist noch nicht lange her, da du mit einer Freundin auf dem Weg ins Einkaufszentrum warst. Du saßest auf dem Beifahrersitz und beobachtetest in Überlegungen versunken die vorbeiziehenden Autos. Es war ein klarer Samstagmorgen und als ihr einen LKW überholen wolltet, fiel dir der Fahrer auf, der seine Bild-Zeitung auf dem Lenkrad liegen hatte und gelassen umblätterte. Ärgerlich wandtest du den Blick von ihm ab. Manchmal ist es schade, dass man sich nicht auf fremde Beifahrersitze beamen kann, dem hättest du ganz schön was erzählt. Gerne würdest du so einer Person die Frage stellen, was genau der Grund ist, sich so grob fahrlässig zu verhalten. Und wie sie meinen, dass sie sich fühlen werden, wenn sie eines Tages so abgelenkt sind, dass sie nicht mehr rechtzeitig bremsen können. Als ihr den Lastwagen schon lange hinter euch gelassen hattet, dachtest du an die vielen Orte, an die sich Lesende begeben können. Und trotzdem entscheiden sich manche dafür, ihre Lektüre aufs Lenkrad zu legen. Und egal, wie wenig Zeit Fernfahrer haben mögen, da hat dein Verständnis wieder seine Grenzen erreicht.
Wie anders es dir stattdessen mit den Öffentlichkeitslesern geht, die du an so unterschiedlichen Plätzen beobachtet hast. Du kannst dir gut vorstellen, dass sie, genauso wie du, trotz ihrer introvertierten und ruhigen Lieblingsbeschäftigung, am Leben teilhaben wollen und dass sich deshalb manche Leser bewusst in Cafés setzen. Wer bereit ist, sich damit in die Gesellschaft anderer zu begeben und mag es ein Zugabteil voller Fremder sein, macht deutlich, dass er dazu steht, sich gerne in eine ganz eigene Welt zurückzuziehen, dass daraus aber auch wieder aufgetaucht oder auch aufgerüttelt werden kann. Sucht wer sich in eine Bücherei zum Lesen begibt, nicht auch das stille Einverständnis Gleichgesinnter? Und wie viel Reiz liegt in der Vorstellung, einen Nachmittag auf einer Parkbank zu verbringen, das Buch in der Hand und das Knirschen des Kies unter ungezählten Sohlen im Ohr? Es gibt nur wenige Momente, in denen du dir wünschst, Gedanken lesen zu können, aber die Momente, wenn du jemanden heimlich beim Lesen zusiehst, gehören dazu.
Dir ist es ein Trost zu wissen, dass auch andere so viel Freude an einem guten Buch haben, mögen sie damit in der S-Bahn, in der Bücherei oder im Park sitzen. Dass du mit deinem liebsten Hobby nicht ausgeschlossen, nicht allein bist, freut dich mehr, als du es jemals erwartet hättest. Wenn du dich erinnerst, wie geschichtengierig du neben Opa auf dem Sessel saßt und überlegst, dass sich daran nichts geändert hat, außer, dass du keinen Vorleser mehr brauchst, dann wird dir klar, dass die Motive und Gründe, weshalb jemand an einem öffentlichen Ort liest, im Grunde keine Bedeutung haben. Es ergeht euch gleich. Ganz egal, wo gelesen wird und welche Zeiten noch kommen mögen: Die Geschichten werdet ihr behalten.