Zu Gast bei Freunden

Schüler der RWS und der Akademie Kupferzell zu Gast in der autonomen Provinz Vojvodina, Serbien

Am 14. April 2018 war es endlich soweit: Die Klasse LW1 der Richard-von-Weizsäcker-Schule, Studierende der Akademie für Landbau und Hauswirtschaft Kupferzell sowie Vertreter des Regierungspräsidiums (Abteilung Landwirtschaft) machten sich auf den Weg in das 1150 km entfernte Novi Sad, die Hauptstadt der autonomen Provinz Vojvodina. Die Region im Norden des Landes wird auch „Kornkammer Serbiens“ genannt und hat ihren Reichtum nicht zuletzt den Donauschwaben zu verdanken, die bis zum Zweiten Weltkrieg in der fruchtbaren Donauregion vertreten waren und dort Ackerbau betrieben. Um diese tief verwurzelte Partnerschaft wiederzubeleben und Erfahrungsaustausch auch auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft zu organisieren, ist das Regierungspräsidium Stuttgart im Rahmen der EU-Donauraumstrategie mit der Autonomen Provinz Vojvodina 2014 auf Bitten des Europaministers eine Partnerschaft eingegangen. Die Gründung eines begleitenden Partnerschaftskomitees erfolgte im Sommer 2015. Schwerpunkte des Austauschprogramms sind die Bereiche Bildung, Landwirtschaft und ländlicher Raum sowie die Förderung der kommunalen Partnerschaft. Um diese Partnerschaft mit Leben zu füllen, haben bereits in den vergangenen drei Jahren serbische Schüler landwirtschaftliche Berufs- und Fachschulen und Betriebe der Land- und Agrarwirtschaft in Baden-Württemberg besucht. Dabei konnten sie einen Einblick in das gut funktionierende duale Ausbildungs- und Weiterbildungssystem sowie die Zusammenarbeit im Agrarbereich in Baden-Württemberg erhalten. Ziel der Serben ist es im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen ihr Bildungssystem anzupassen und EU-konforme konventionelle und biologisch wirtschaftende landwirtschaftliche Betriebe auszubauen. Deshalb war die Freude über den ersten Besuch aus Baden-Württemberg groß und die jungen Gäste hatten Gelegenheit, Einblicke in serbische Landwirtschaftsbetriebe und -schulen zu erhalten sowie die Vertreter des Regionalparlaments und der -regierung kennen zu lernen.

Im Rahmen ihres einwöchigen Aufenthaltes haben die Schüler viel gesehen und erlebt – insgesamt sechs Betriebe, zwei Schulen, zwei Kirchen, ein Schloss und eine Festung inklusive unterirdischer Gänge sowie mehrere Vertreter der Regierung in insgesamt sechs Städten der Vojvodina, sodass nur auf einige Stationen näher eingegangen werden kann.  So besuchten die Schüler unter anderem den biologischen Landwirtschaftsbetrieb „Global Seed“ in Čurug (ca. 40km von Novi Sad), der sich auf die Produktion von Milch und Bullenmast spezialisiert hat. Insgesamt 900 Milchkühe plus Nachzucht und 2000 Hektar Futterfläche werden bewirtschaftet.  Dazu werden Grassamen angepflanzt, die in Österreich gekauft wurden, da es äußerst schwierig ist, Bio-Saatgut auf dem serbischen Markt zu bekommen. Dieses dient dann in Form von Viehweide der Fütterung der 900 Kühe, die für den serbischen Molkerei-Martführer „Imlek“ Bio-Milch produzieren. Der Betrieb plant, seine Bio-Produkte auch auf die Produktion von Bio-Eiern auszuweiten. Allerdings hat es das Unternehmen mit seinem Vorhaben auf dem serbischen Markt nicht leicht, da der Bevölkerung die Vorteile noch nicht hinreichend bewusst sind bzw. sie sich die teureren Bio-Produkte schlichtweg nicht leisten kann. Man hofft, dass sich dies in naher Zukunft ändern wird.

Auch die serbische Tochter der deutschen KWS Saat glaubt an den Erfolg moderner Landwirtschaft in Serbien und hat 2014 dreißig Millionen Euro in Bečej (dt. Altbetsche) für die Eröffnung einer modernen Saatgutaufbereitungsanlage investiert, welche die Schüler mit großem Interesse besichtigten. Sofort fiel den für die Betriebsführungen zuständigen Mitarbeitern auf, wie wissbegierig unsere Berufs- und Meisterschüler sind. So fragten sie immer wieder neugierig und hakten auch mal – gerade beim Thema biologischer Anbau – kritisch nach.

Darüber hinaus besuchten wir in den darauffolgenden Tagen einen Betrieb für Getreideprodukte („Mrkšićevi salaši“ in Srpski Itebej, ca. 5km von der rumänischen Grenze entfernt), der über eine Bäckerei sowie eigene Labore verfügt, in denen die Inhaltsstoffe täglich gemessen und überprüft werden. Als dann auch noch der Raupentraktor mit Grubber auf dem riesigen Acker lautstark zum Einsatz kam, zückten auf einmal alle Schüler ihr Smartphone, um ihre Lieblingsmaschine und deren „Sound“ zu filmen und festzuhalten. Strahlende Augen hatten die Schüler dann auch auf einem kleineren Familienbetrieb für landwirtschaftliche Maschinen (MBV), da sie die familiäre Struktur an „daheim“ erinnerte und sie begeistert von den Maschinen waren. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den heimischen Betrieben beobachteten die neugierigen Landwirte auch auf dem größten Weingut der Vojvodina, welches aktuell eine neue Weinkellerei aufbaut. So fiel ihnen gleich auf, dass die Weinreben hier deutlich weiter auseinander stehen als in Baden-Württemberg üblich, was an den eingesetzten Maschinen liegt. Beeindruckt waren die Schüler auch allein schon von der schieren Größe des Weinberges bzw. der Höfe in der Vojvodina im allgemeinen. Dies lässt sich auf die noch vom Kommunismus übrig gebliebene Struktur zurückführen, die nun zunehmend von privaten Unternehmern abgelöst wird. Der Staat bietet die Ländereien preiswert zum Kauf an.

Interessant gestaltete sich auch der Besuch der Landwirtschaftsschulen Zrenjanin und Vršac. Ähnlich wie in den hiesigen Berufsschulen werden die Schüler im theoretischen und praktischen Unterricht sowohl auf die Arbeitswelt als auch auf die Weiterführung der Ausbildung im Rahmen eines Studiums vorbereitet. Anders als in Deutschland verfügen die Schulen aber nur über einen schulischen Betrieb, auf dem die Schüler praktische Erfahrungen sammeln können. Das ist auf einem privaten Betrieb wie hier in Baden-Württemberg nicht möglich. Auch verfügen die wenigsten Eltern der Schüler über einen eigenen Hof. Eine Weiterbildung im Rahmen einer Meisterschule existiert in Serbien generell nicht, sodass verständlich ist, wieso die große Mehrheit der Berufsschulabsolventen ihre Ausbildung an der Universität in Novi Sad fortsetzt.

Da unser Besuch in Vojvodina mit dem der baden-württembergischen Delegation um Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zusammenfiel, wurde die Schülergruppe ebenso ehrenvoll in allen Rathäusern der besuchten Städte vom jeweiligen Bürgermeister sowie vom Parlamentspräsidenten und Landwirtschaftsminister der Autonomem Provinz Vojvodina in Empfang genommen. Neben zahlreichen Berichten in der regionalen Presse, sah man unsere Gruppe sogar landesweit im „Dvevnik“, dem serbischen Pendant zur deutschen Tagesschau.

Neben den zahlreichen Einblicken in die Bereiche Viehzucht und Ackerbau konnten die Schüler auch kulturelle Erfahrungen in den Bereichen Religion, Gastronomie und dem Nachtleben der zweitgrößten Stadt Serbiens, Novi Sad, sammeln und lernten die für Serbien typische Gastfreundschaft in Form von reich gedeckten Tischen und köstlichen Weinen kennen. So hatten wir unter anderem am letzten Abend die Ehre, ein traditionelles serbisches Essen auf dem elterlichen Weingut eines Schülers einzunehmen, der im letzten Jahr am Schüleraustausch in Öhringen teilgenommen hatte.

Den letzten Höhepunkt der Reise bildete der Besuch des größten, biologisch betriebenen, Schafzuchtbetriebs Serbiens in Subotica. Der Betrieb liegt in einem großen Naturschutzgebiet, das von Schafen und Ziegen gepflegt wird. Das Hauptaugenmerk des Betriebes liegt in der Milcherzeugung, für die englische Milchschafe eingesetzt werden, und in der Produktion von Lammfleisch. Aktuell bestehen Planungen eine eigene Käserei zu bauen, da die Schafmilch zum Teil konventionell vermarktet werden muss. Der Durchschnittserlös für einen Liter Schafmilch liegt bei etwa 0,5€.  Den Betriebsleiter interessierte hier vor allem auch das System der EU-Förderung für landwirtschaftliche Betriebe. Ziel von Serbien ist der Beitritt in die EU und so wird bereits jetzt versucht, die Standards der EU, gerade auch in der Landwirtschaft, umzusetzen.

Auf der 15-stündigen Heimfahrt über Ungarn und Österreich tauschten sich die jungen Landwirte dann über eine erlebnisreiche Studienfahrt aus, sangen und dichteten dabei auch den ein oder anderen musikalischen Klassiker etwas um: „Serbischer Wein…“ und „eine Busfahrt, die ist lustig, eine Busfahrt, die ist schön…“. Die Studienfahrt war für alle Beteiligten ein großer Erfolg und kann in den kommenden Jahren hoffentlich wiederholt werden. Schon diesen Herbst werden uns die serbischen Schüler der Landwirtschaftsschulen Zrenjanin und Vršac wieder in Kupferzell und Öhringen besuchen. In diesem Sinne, „Doviđenja!“ („Auf Wiedersehen!“).

Bild (privat): Serbische und deutsche Jugendliche, die das das Interesse an der Landwirtschaft eint.

Auch die serbischen Nachrichten berichteten über den Besuch der Delegation aus Hohenlohe.